„Ehrenpflegas“ in der Kritik examinierter Pflegekräfte

Die YouTube Miniserie „Ehrenpflegas“ soll junge Menschen im „Fack Ju Göthe“-Stil für eine Ausbildung im Pflegeberuf gewinnen. Die Initiative der drei Bundesministerien für Familie, Arbeit und Gesundheit sorgt für heftige Kritik examinierter Pflegekräfte.

Wir empfehlen, sich zunächst selbst ein Bild zu machen. Dies ist Folge 1 (6 Minuten):

Gut gedacht ist leider nicht immer gut gemacht

Die Initiative, junge Menschen für den Pflegeberuf zu interessieren, ist absolut unterstützenswert. Aber auf diese Weise? Die Down-Vote-Quote von 88% (über 13.000 mal „Daumen runter“) kann das Bundesministerium bei YouTube nicht ausblenden, aber nach tausenden Kommentaren wie „Diese Miniserie ist ein Schlag ins Gesicht der beruflich Pflegenden. Wenn ich nix kann, kann ich Pfleger werden“ (von „Tunix74“) wurde die Kommentarfunktion deaktiviert.

In Folge 2 stellt Hauptfigur Boris die Frage zur Ausbildungsvergütung: „Wie viel is‘n das?“ – „Über tausend.“ – „Was? So viel krieg ich ja nicht mal, wenn ich 200 E-Zigaretten verkaufe.“

Zusätzlich zur Miniserie läuft auf Youtube auch „Der große Reality Check“, in dem zwei Auszubildende und eine Pflegefachkraft über ihre ersten Todesfälle sprechen. Dazu heißt es, es sei „Ein bisschen wie bei Game of Thrones, weil man baut so eine gewisse Verbindung zu seinen Charakteren auf.“

Reaktionen von Verbänden und Medien auf die Ehrenpflegas

Am freundlichsten urteilt der Bundesverband Pflegemanagement.“Die Serie spiegelt nicht im Ansatz das Berufsbild von Pflegefachpersonen wider. Vielmehr werden durch die dargestellten Berufsanforderungen Selbstverständnis, Berufsethos sowie Fachlichkeit der Profession verletzt.“

Christine Vogler, stellvertretende Vorsitzende des Berufsverbands Lehrende Gesundheits- und Sozialberufe (BLGS) und Vizepräsidentin des Deutschen Pflegerats (DPR) erklärte: „Ich bin tatsächlich entsetzt darüber, wie das Familienministerium mit dieser Kampagne alle vor den Kopf stößt, die diesen Beruf gerade lernen oder schon erlernt haben. Die Auszubildenden an unserem Campus vertreten hohe ethische Werte. Sie wollen lernen und müssen das auch, weil es unglaublich viel Stoff zu bewältigen gibt. Das alles transportiert diese Miniserie absolut nicht.

In dem Film wird der Eindruck vermittelt, jeder könne in den Pflegeberuf reinstolpern, egal welche Voraussetzungen er hat. Ich verstehe überhaupt nicht, wie man auf die Idee kommen kann, auf diese Weise Werbung für einen Beruf zu machen. Das Familienministerium bewirbt einen Beruf, indem sie ihn ins Absurde zieht und komplett die Kompetenzen und das Berufsethos derjenigen ignoriert, die in der Pflege arbeiten – das ist grotesk.“

Christel Bienstein, Präsidentin des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe, urteilte im Deutschen Ärzteblatt: „Unsere Mitglieder empfinden die Serie als Verletzung ihres beruflichen Selbstverständnisses, des Berufsethos und sie fühlen sich in ihrer Professionalität missachtet. Dieses Empfinden teilen wir als Verband. Insbesondere in der ersten Folge wird suggeriert, dass die Pflegeausbildung auch für alle geeignet sei, die sonst keine Perspektive haben. Es wird wieder das Klischee bedient, dass für Pflegeberufe mehr Herz als Hirn gebraucht werde.“

Der Focus titelt: „Ministerin Giffey will Pfleger feiern und scheitert mit bizarrer Video-Serie grandios.“

Der zu ARD und ZDF gehörende „funk“ schreibt:

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ): „Wir wollen den Pflegeberuf attraktiver machen!“

Auszubildende: „Cool! Mehr Geld und mehr Personal?“

BMFSFJ: „…“

Auszubildende: „Bessere Arbeitsbedingungen?“

BMFSFJ: „…“

BMFSFJ: „Hier ist ein cringe Youtube-Serie.“

Die drei Minister Giffey, Spahn und Heil antworteten via Twitter:
Giffey-Spahn-Heil-Corona-Abstand-Maske

Was sind die Alternativen zur Begeisterung für den Pflegeberuf?

Über 10.000 Unterzeichner einer Petition finden, dass die Serie gelöscht werden muss. Da stellt sich auch die Frage: Was ist die Alternative?

Die taz schreibt:

„Die Alternativen der Kritiker’innen haben andererseits ihr ganz eigenes Peinlichkeitsniveau. In der Petition wird moniert, nicht dargestellt würden „Schlüsselpraktiken von Pflegenden wie Therapieassistenz, eigenverantwortliches Nebenwirkungsmanagement, Wund­ver­sor­gung, Trauerbegleitung, Kriseninterventionsgesprächen, Angehörigenberatung und -anleitung.“ Na, noch wach? Die Kampagne ist schlecht, ja, aber gibt es überhaupt die Möglichkeit einer guten Kampagne?

Das Grundproblem bleibt doch, dass der Beruf der Pflegenden trotz gegenteiliger Beteuerungen nicht sonderlich angesehen ist. Pflegende machen halt das, wovon man als Normalsterbliche’r nix wissen will. Und keine Kampagne kann reinholen, was die Gesellschaft nicht aufbringt: ein ehrliches Interesse an der Situation in der Pflege.

Wir meinen, dass die gute Absicht der Bundesfamilienministerin unterstützenswert, aber zumindest ungeschickt umgesetzt ist. Man sollte auf jeden Fall eine neue, durchdachtere Kampagne starten, bei der der Pflegeberuf auf realistische Weise vermittelt wird. Allerdings hat die taz richtig erkannt, dass dies mit dem heutigen Budget nicht möglich ist.

Denn wie will die Politik die Attraktivität des Berufs nennenswert erhöhen, wenn sie die Budgets der Pflege nicht ihrem Wert entsprechend erhöht? Mit einem höheren Budget könnten Pflegekräfte mehr verdienen. Der Pflegeschlüssel sowie die Schichtarbeit könnten reduziert werden. Die Pflegepolitik kann nur erfolgreich sein, wenn sie das Hauptproblem in der Pflege beseitigt: Die unzureichende Finanzierung.

Von |2020-10-31T18:35:53+01:0030. 10. 2020|Pflegeberuf|0 Kommentare

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